Chronik Musikgesellschaft Herznach - Ueken: Die ersten 55 Jahre

1870

Gründung der „Musikgesellschaft Herznach“, die in den folgenden Jahren auch „Feldmusikgesellschaft“ oder „Blasmusikgesellschaft“ genannt wird. Als Gründer des Vereins gilt Xaver Jäger. Der erste Dirigent, Joseph Jäger von der „Jäger-Musik“ (siehe unten) übt sein Amt 36 Jahre lang aus. Direktor Jäger, wie er auch genannt wird, gibt an den Abenden bei sich auf dem Willihof Musikunterricht.

Vor der Gründung der MGH existierten im Dorf die „Kirchenmusikgesellschaft“ und die „Jäger-Musik“ der Brüder Felizian, Xaver, Peter, Joseph und Johann Baptist Jäger. Letztere gliederte sich in zwei bis drei Formationen zu je mindestens fünf Mann und spielte vor allem Tanzmusik. Ihre Mitglieder kamen aus mehreren Ortschaften.

 

1871

Die MGH tritt am Fricktalischen Musikfest in Frick auf und spielt ein „Potburri über Opernmotive von Bellini“.

 

Um 1873

Der Männerchor Herznach und die MGH legen sich eine gemeinsame Vereinsfahne zu. Sie besass eine Seitenlänge von einem Meter. Auf dem noch vorhandenen Rest stehen Gesang- und Musik[verein] sowie [Eini]gkeit (vgl. Bilder).     

Erste Fahne Teil A
Erste Fahne Teil A
Erste Fahne Teil B
Erste Fahne Teil B

1876

Der Verein zählt gegen 20 Musikanten. 

 

1887

Die MGH organisiert den Bezirksmusiktag, der erst zum zweiten Mal stattfindet. Ein Zeitungskorrespondent lobt rückblickend: Das Dorf war so aufgeputzt und beflaggt, wie wir es in Landorten noch nie sahen; kein Haus war ohne Schmuck, einzelne sogar prächtig dekoriert.

Der Tag beginnt mit dem Donner der Mörser. Um 13 Uhr ziehen unter dem Klang der Kirchenglocken und dem Donner der Geschütze die Vereine hinauf zur Kirche. Die MGH begrüsst die Gäste mit dem etwas schwierigen aber prachtvoll vorgetragenen Opernstück „Die Italiener in Algier“. Fast drei Stunden lang dauern die Vorträge der Vereine, wobei Musikvereine von Herznach, Frick und Münchwilen am meisten Lob erhalten.

Der anschliessende Festumzug führt von Oberherznach zur Festhütte beim „Löwen“. Dort beginnt ein nicht enden wollender Reigen von Ansprachen und Toasten, wobei die Worte der letzten Redner in der überhandnehmenden Feststimmung untergehen.    

 

1895

Die MGH legt sich eine eigene Fahne zu. Sie ist handbemalt und stammt wahrscheinlich aus der Malerwerkstatt Rosenthaler in Rheinfelden. Die Fahne ist noch vorhanden, jedoch stark beschädigt.

 

Um 1900

Neben der MGH besteht noch die „Kleine Musik“, die sich der Tanzmusik und der volkstümlichen Musik widmet. Die meisten Mitglieder gehören der MGH an. Angehörige beider Formationen bilden zudem die „Högi-Musik“, die sich der damals beliebten böhmischen Tanzmusik (u.a. Högitänze) widmet. Sigmund Ott, genannt Högismund, leitet die „Högi-Musik“.  

 

1909

Erstes Gruppenbild der MGH:


Musikgesellschaft 1909 mit der Fahne von 1895
Musikgesellschaft 1909 mit der Fahne von 1895

1910

Emil Ackle vom Willihof übernimmt den Dirigentenstab von Lehrer Matthäus Hüsser. Da Hüsser den Männerchor leitet, hat er die MGH lediglich interimsmässig während vier Jahren dirigiert. Ackle übt sein Amt 38 Jahre lang aus.

 

1916

In diesem Jahr beginnen die Protokollbücher. Der erste Eintrag widmet sich der 1.-August-Feier abends um 18 Uhr bei der grossen Dorfbrücke in Unterherznach: Der Verein gibt mit Anschluss des Männerchor‘ einige Produktionen vaterländischer Gesinnung. Anschliessend verschieben beide Vereine in den „Hirschen“. Diese Vereinigung gestaltet sich anfangs gemütlich, bis sich der Alkohol bei einigen bemerkbar macht. Ein Mitglied beschenkt den Vorstand der Musikgesellschaft mit unanständigen grundlosen Schimpfnamen, was wenige Tage später zum Rücktritt des Vizepräsidenten Hermann Acklin führt.

Die MGH zählt sechs Ehrenmitglieder: Schreiner Ludwig Acklin, Peter Herzog, Eduard Acklin, Peter Acklin, Oberlehrer Matthäus Hüsser (alle von Herznach) und der Ueker Müller Friedrich Schmid.

 

1923

Das Jahresprogramm sieht folgende Anlässe vor:

 -       Weisser Sonntag (Prozession)

 -       Frühlingskonzert im „Jäger“

 -       Morgenkonzert an Auffahrt

 -       Fronleichnamsprozession

 -       je ein Platzkonzert in Herznach, Oberherznach (Abdorf) und Ueken

 -       Musiktag in Lupfig

 -       Bundesfeier

 -       Besuch des Passionsspiels in Selzach

 -       Morgenkonzert am Bettag

 -       Prozession am Rosenkranzsonntag (Oktober).

Am Kantonalen Musiktag in Lupfig spielt die MGH „Das Glöcklein des Eremiten“. Wahrscheinlich wegen dem Verzehr von verdorbenem Fleisch bekommen zwölf Musikanten der MGH eine Magen- und Verdauungsstörung. Sechs „erwischt“ es nur leicht, drei weitere werden bettlägerige, drei müssen sich ärztlich behandeln lassen.

Der Freie Schiessverein Frick engagiert die MGH für einen Auftritt am Einweihungsschiessen des neuen Schiesstandes. Es ging alles gut bis auf den Zobig, welches infolge der grünen Landjäger etwas zu elastisch war. Ebenso liess das Bier lange auf sich warten, hält das Protokollbuch fest.

In diesen Jahren kämpfen Vorstand und Dirigent gegen eine um sich greifende Disziplinlosigkeit. So zeigt sich der Präsident nach einer Probe ziemlich verärgert, weil verschiedene Mitglieder während der Probe Bier holen lassen wollten.

 

Mit Bussen bekämpft man unentschuldigte Absenzen und Zuspätkommen. Eine Absenzen-Rangliste wird eingeführt. Für rechtzeitiges Erscheinen bei Proben gibt es 10 Punkte, für entschuldigtes Zuspätkommen 9 und für unentschuldigtes Zuspätkommen 8 Punkte. Wer entschuldigt fehlt bekommt immerhin noch 7, wer unentschuldigt einer Probe fernbleibt 0 Punkte. 1923 gehören zu den diszipliniertesten Probebesuchern Joseph Anton Müller, Paul Leimgruber und Julius Treier. 1924 erhalten die drei ersten der Rangliste je ein Päcklein Stumpen, ab 1925 den Musikkalender.

Herznacher Schulhaus von 1898, in dessen Erdgeschoss sich lange Zeit das Probelokal der Musikgesellschaft befand (heute im Obergeschoss)
Herznacher Schulhaus von 1898, in dessen Erdgeschoss sich lange Zeit das Probelokal der Musikgesellschaft befand (heute im Obergeschoss)

1924

Jahreskonzert mit folgenden Musikstücken:

 -       Mein Regiment

 -       Das Glöcklein des Eremiten

 -       Klänge aus dem Bernerland

 -       Ein böser Hausgeist

 -       Konzertpolka

 -       Unter Waffengefährten

 

Dazwischen wird der Einakter „De Regimentstambour“ aufgeführt. Der Anlass schliesst mit einem Defizit.

Im Februar bitten MGH, Männerchor und Veloclub den Gemeinderat, in Zukunft für Musik-, Gesangs- und Theaterproben das Arbeitsschulzimmer des Schulhauses benutzen zu dürfen, weil das aktuelle Probelokal, das Turnzimmer im Erdgeschoss des Schulhauses (westlicher Raum) im Winter zu viel Holz zum Heizen benötige (für das Holz müssen die Vereine selbst aufkommen). Der Gemeinderat geht nicht darauf ein.      

Die drei Vereine vereinbaren eine engere Zusammenarbeit u.a. bei der Gestaltung der Bundesfeier. Bei gemeinsamen Sitzungen wird dem Präsident der MGH die Leitung übertragen, da die MGH als ältester Verein gilt. Zwar reichen die Anfänge des Männerchors in die 1840er Jahre zurück, doch stellte er seine Aktivitäten um 1883 ein. Anfang 1886 erfolgte die Wiederbelebung des Vereins. 

Im August organisiert die MGH ihr erstes Waldfest im Birch. Auf einen Einbezug der Schuljugend in Form eines Kinderreigens wird verzichtet, da man mit der Spitze der Schulpflege keinen Kontakt aufnehmen möchte, weil diese nicht sehr sympathisch sei. Für das Fest werden 250 Ringe Cervelas, 50 Ringe Zürcherschüblig, 150 Liter Rot- und 150 Liter Weisswein sowie 80 Stück Kuchen bestellt. Ein Cervelat mit Brot wird für 50 Rappen, der Liter Rotwein für 1.90 Franken verkauft. 500 Personen besuchen das Fest, worunter auch die MG Frick als „Göttiverein“. Die Tanzmusik bei Lampion- und Karbidlicht dauert bis nach Mitternacht. Trotz des guten Festbesuchs liegt der Reingewinn bei enttäuschenden 175 Franken.

 

Die Anschaffung einer Uniform wird diskutiert jedoch aufgrund der schlechten Finanzlage verworfen.  

 

1925

Die GV genehmigt neue Statuten. 

Im Juni besucht die MGH in Brugg erstmals ein Kantonales Musikfest. Wettkampfstück: „Till Eulenspiegel“. In der 17 Vereine umfassenden 3. Kategorie belegen die Herznacher den 4. Rang.

 

Auf dem Heimweg vom Bahnhof Effingen wird der Verein noch ausserhalb Zeihens vom Herznacher Veloclub abgeholt. Aktuar Josef A. Müller hält die Heimkehr in einem Gedicht für die Nachwelt fest:

Kurz nach Effingen-Station,

 ¾ 9 Uhr war es schon,

 Als plötzlich Hornsignale schollen,

 Der Veloclub kam abzuholen.

 

Begrüsst durch Oskar Meisel, Schmied,

Tatkräftiges Passivmitglied.

Dann gings im Corsomarsch durch Zeihen,

Das keine Musik hat, „o heien!“

 

Nun war die „Türlen“ schon erreicht,

Da drang vom Dorfe, erst nur leicht,

Ein Rauschen gleich an uns’re Ohren,

Herznach hat wohl den Kopf verloren?

 

Es schwoll zur Flut beim Dorfeingang,

Daraus der Männerchor erklang,

Die schneidig „Auf ihr Brüder“ sangen,

S’war ohne Dirigent gegangen.

 

Und staunend blickt wie nie zuvor,

Das Volk zum Fahnenspitz empor,

Wo stolz sich wiegte und gelinde

Der Kranz im kühlen Abendwinde.    

In den Wochen vor dem Kantonalen machte sich im Verein eine gewisse Anspannung bemerkbar. Nachdem ein Musikant nach dem Ziehen einiger Vorderzähne nicht mehr proben konnte, wurde er vom Präsidenten für dieses unüberlegte Handeln kritisiert, das die MG im Hinblick auf das Kantonale in eine unangenehme Lage bringen würde. Der Musikant, der mit seinen neuen Vorderzähnen nicht mehr richtig blasen konnte, erhielt nach dem Kantonalen die Wahl, entweder den Triangel zu übernehmen oder den Verein zu verlassen.

Zur Aufbesserung der darbenden Vereinskasse wird im Juli beim „Löwen“ ein Kegelschieben veranstaltet. Eine Serie à vier Schüssen kostet 1 Franken. Der Sieger, Hermann Windisch aus Asp, erhält einen Lorbeerkranz und 25 Franken. Mit einem Reingewinn von 220 Franken ist der Anlass lukrativer als das viel aufwändigere  Waldfest von 1924. 

 An Allerheiligen macht Fotograf Schatzmann aus Aarau ein Vereinsfoto (vgl. Bild), das für Fr. 3.50 gekauft werden kann.

Vereinsfoto 1925
Vereinsfoto 1925